Der Rothirsch – ein König ohne Land

3. Overather Jagdforum

[R.Huckriede, OfÖA KJS RBK] Die rund 100 Zuhörer waren ebenso begeistert wie nachdenklich, als  nach 2 Stunden das 3. Overather Jagdforum der Jägerschaft des Hegeringes Overath zu Ende ging. Die namhaften Rotwildexperten Dr. Michael Petrak (LANUV, Forschungsstelle für Jagdkunde), Jörg Pape (Rotwildsachverständiger), Jürgen Greissner (Revierförster Königsforst) und Dr. Andreas Kinser (Deutsche Wildtierstiftung Hamburg) diskutierten über die Lebensweise, die Biologie und die Anforderungen der Rothirsche an ihren Lebensraum – und zeigten Bedrohungen und Gefährdungen für unsere größte heimische Wildart auf. Dadurch haben die interessierten Besucher - auch die anwesenden rotwilderfahrenen Jäger - noch viel Neues über diese faszinierende Tierart gelernt.

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An diesem Abend ging es also um den Rothirsch – vermeintlich den
König der Wälder. Aber in Wahrheit ist er ein König ohne Land. Im
Königsforst eingesperrt in ein Ghetto, das ihm nur noch einen einzigen
Korridor als Ausweg bietet. Und diesen Korridor benötigt er, um seine
natürlichen Wanderungen ausführen zu können. Denn ohne solche
Wanderungen wäre er bald dem Untergang geweiht: eine abgeschottete,
relativ kleine Population ist immer anfällig für Inzucht. Dies haben
kürzlich Untersuchungen in Schleswig-Holstein und insbesondere von
Prof. Reiner in Hessen nachgewiesen. Wenn es zu keiner
„Blutauffrischung“, also einem Austausch von Genen benachbarter
Populationen kommt, hat dies schlimme Auswirkungen auf die Vitalität
und Gesundheit des gesamten Bestandes.


Die Hirsche im Königsforst waren bisher recht wanderfreudig und zogen
auf jahrhunderte alten Fernwechseln zu den Nachbarn an der Sieg und
von dort ins Sauerland und die Eifel. Dabei durchquerten sie die einzige
Stelle, die ihm der Mensch noch zwischen Autobahnen und Siedlungen
offen gelassen hat: zwischen Hoffnungsthal und Untereschbach ist im
Bereich Auel noch ein nur wenige hundert Meter breiter Korridor für die
lebensnotwendigen Wanderungen offen. Jetzt plant die Stadt Overath
aber just an dieser Stelle ein neues Gewerbegebiet, das wie ein Pfropfen
diesen Engpass verschließen würde.


Nun ist die Vernetzung von Lebensräumen und die Sicherung von
Biotop-Trittsteinen seit geraumer Zeit in aller Munde. So wurden auch
vor unserer Haustür für rund 8 Mio € Grünbrücken über die viel
befahrene Autobahn A3 und die parallel dazu verlaufende L284 gebaut
und 2013 fertig gestellt. Damit konnten die beiden wichtigen
Naturschutzgebiete Wahner Heide und Königsforst wieder miteinander

verbunden werden. Neben Fledermäusen, Lurchen und Amphibien sollte
auch der Wildkatze eine sichere Passage geboten – und dem „König der
Wälder“, dem Rothirsch, die Möglichkeit zur artgerechten Wanderung
ermöglicht werden. Und dies geschieht auch Tag für Tag. Die
Wildbrücken sind zu einer echten Erfolgsgeschichte geworden. Wenn
aber das Gewerbegebiet Auel zu einer unüberwindlichen Barriere wird,
dann führen die Wildbrücken in eine Art Sackgasse und verlieren somit
erheblich an Nutzen für wandernde Tierarten. Die Begriffe
„Biotoptrittsteine“ und „Lebensraumvernetzung“ werden dadurch zu
reinen Worthülsen wohlklingender Sonntagsreden degradiert.


Die vier Experten konnten die Zuhörer (neben vielen Jägern waren auch
zahlreiche nicht jagende Naturschützer, betroffene Anwohner des
geplanten Gewerbegebietes und Lokalpolitiker anwesend) in
anschaulicher Art und Weise mit auf die Reise in den Alltag der
Rothirsche nehmen. „Ich habe heute unheimlich viel über die Hirsche
und ihre Lebensweise erfahren. Jetzt verstehe ich erst, was dieses
Gewerbegebiet den Tieren, ja der ganzen Population alles antun wird“
fasst es eine Zuhörerin treffend zusammen. Das allgemeine Kopfnicken
zeigt, dass sie mit dieser Meinung nicht alleine ist.


Aber wie geht es nun weiter? Das 3. Overather Jagdforum hat ein klares
Statement abgegeben. Letztlich hat aber die Politik zu entscheiden. Aus
wissenschaftlicher Sicht – so der Tenor der Experten - wäre ein
Gewerbegebiet an dieser Stelle ein Fiasko. Es widerspräche den
Vorschriften des Bundesnaturschutzgesetzes, das ausdrücklich ein
barrierefreies Wandern wildlebender Tierarten ermöglichen soll. Die
gesetzliche Verpflichtung, einen artenreichen und gesunden
Wildbestandes sowie die Pflege und Sicherung seiner
Lebensgrundlagen zu gewährleisten, würde konterkariert. Die Bürger
Overaths dürfen gespannt sein, ob die von ihnen gewählten Politiker
wirklich zum Rütlischwur bereit sind, ob sie sich tatsächlich dazu
durchringen können, einen nicht reparablen Schaden für Tiere, Natur,
Umwelt und letztlich auch für den Menschen abzuwenden. Denn klar ist:
die Stadt Overath schüfe durch das Gewerbegebiet ein Ghetto, in dem
das Rotwild immer mehr einer genetischen Verarmung und damit der
Inzucht ausgesetzt sein wird. Manch ein Zuhörer sieht allein darin bereits
den Tatbestand einer fahrlässigen und damit justiziablen Tierquälerei
erfüllt. In jedem Fall aber ist ein komplett eingegatterter Tierbestand eine
ernste Gefahr für das Fortbestehen der größten und für Viele auch der
imposantesten heimischen Wildtierart – dem Rothirsch.