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Samstag, 31. Juli 2010

200 Stunden Pauken für die Pirsch

JAGDSCHEIN Nur wer das „grüne Abitur“ erfolgreich absolviert hat, darf hierzulande jagen – Die Vorbereitung auf die Prüfung dauert neun Monate – Neben dem Umgang mit der Waffe steht Wildhege auf dem Stundenplan

(KStA vom 18.11.09; VON STEFANIE JOOSS) Wenn alles gut geht,werden sie in einigen Monateneigenständig auf die Pirsch gehendürfen. Doch noch ist das Kaninchen,das die vorwiegend erwachsenenSchüler konzentriertbegutachten, nur eine Abbildungan der Wand, in einem Klassenzimmerdes Odenthaler Schulzentrums. Dort sitzen 25 Männerund Frauen, die sich seit einigenWochen auf die staatliche Jägerprüfungvorbereiten. Nur wer dieses „grüne Abitur“ erfolgreich absolviert hat, darf hierzulande jagen.Vorwiegend Männer und einige Frauen, ältere und ganz junge Menschen wie der 15 Jahre alte Philipp sind in der Gruppe. Er und einige andere wollen Jäger werden, um mit Eltern und Geschwistern gleichzuziehen. Andere sind zur Jagd gekommen wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. Katja Tittel etwa durch ihren Hund: Als Welpe „klein und süß“, habe er sich zunehmend zum Problemfall entwickelt, erzählt sie. Den eigens für die Jagd gezüchteten Weimaraner füllte ein Leben als Haushund nicht aus. Tittel ließ ihn unter professioneller Aufsicht Fährte laufen und: „Mein Hund kam mit glänzenden Augen zurück. “Neun Monate lang muss Tittel nun büffeln. So lange dauert die Vorbereitung auf die Jägerprüfung, die die Kreisjägerschaft Rheinisch-Bergischer Kreis anbietet. Insgesamt umfasst die reine Ausbildungszeit 200 Stunden. Jeden Montagabend kommen Tittel und die anderen Frauen und Männer für drei Stunden zum Theorie-Unterricht nach Odenthal. Oft pauken sie auch nach Feierabend zuhause. Der Stoff, den sie lernen müssen, füllt mehrere dicke Ordner. Außer Zeit kostet der Schein auch Geld: Für den Lehrgang, Munition und Fachliteratur kommen schnell mehr als 1000 Euro zusammen. Kenntnisse über Pflanzen Nach all der Theorie freut sichd er junge Philipp schon besonder sauf die bevorstehenden Schießübungen, die ein- bis zweimal im Monat an Samstagen stattfinden. Im echten Jägerleben dagegen ist der Gebrauch derWaffe nur eine von vielen Aufgaben eines Waidmanns. Denn nicht von jedem Jagdzug kommt der Jäger mit Beute nach Hause: „Man sitzt 40 bis 50 Stunden, um ein Schwein zu erlegen“, gibt Hans Erik Backhausen, der Geschäftsführer der Kreisjägerschaft, ein Beispiel. „Schießen ist das Wenigste“, ergänzt Hans Otto Keppeler, einer der Referentendes Vorbereitungskurses: „Wir machen gern Beute“, räumt er ein, „aber wir tun auch viel für den Naturschutz.“ Jäger pflanzen Sträucher und legen Biotope an, impfen und füttern das Wild und halten den Bestand gesund. Wildhege und Naturschutz stehen deshalb ebenso auf dem Lehrplan für die Jägerprüfung wie Kenntnisse über Pflanzen in Wald und Flur. „Ich lerne dadadurch meine Heimat besser kennen“, sagt der Jagdschein-Anwärter Heinz Unterbörsch aus Bergisch Gladbach. Doch an diesem Abend stehen nicht Schafgarbe und Nelkenwurz, Wiedehopf oder Segelfalter im Mittelpunkt, sondern das Kaninchen und anderes Wild.Und die Frage, wie ein Schuss gesetzt werden sollte, damit ein Tier schnell und schmerzlos stirbt. Keppeler beschreibt, wie beispielsweisebeim Kugelschuss die Kugel in den Körper des Tiers eindringt, sich beim Auftreffen verformt und aufpilzt. Nicht immer verendet das Tier in Sichtweite des Jägers. Deshalb lernen die Schüler, die so genannten Pirschzeichen zu deuten: Spuren von Schweiß, Hautfetzen, Haarbüschel oder Knochensplitter geben Aufschluss über die Art der Schussverletzung und helfen dem Jäger bei der Nachsuche. Nicht all ihre Mitmenschen habenVerständnis für das künftige Hobby der 25 Schüler: „Wie kannst du nur auf Tiere schießen“– mit solchen und ähnlichen Vorwürfen würden sie bisweilen konfrontiert. Sie haben aber auch gelernt, ihren Standpunkt zu verteidigen: „In der Bevölkerung ist wenig bekannt, dass laut Gesetz gejagt werden muss“, sagt zum Beispiel Heiko Rieger. Wer ein eigenes Revier leitet, muss derJagdbehörde nachweisen, ob er den ihm vorgegebenen Abschussplan erfüllt hat. „Hege heißt auch Hege mit der Büchse“, fügt Dozent Keppeler hinzu: Aufgabe der Jäger sei es schließlich auch, kranke und schwache Tiere zu erlegen.Laut Kreisjägerschaft begeistern sich jedoch immer mehr junge Menschen für die Jagd. DerAltersdurchschnitt in den Vorbereitungskursen sei in den vergangenenJahren gesunken. Die meisten Schüler sind Anfang 30. Laut Gesetz dürfen bereits Jugendlicheab 16 Jahren unter Aufsicht einer erfahrenen Person jagen. Auch immer mehr junge Frauen interessieren sich für das Hobby in der Natur. Backhausen schätzt, dass der Anteil der Jägerinnen im Kreis etwa 18 Prozent ausmacht.Jäger sein ist eine Sache, dieJagd ausüben zu können, die andere. Ein durchschnittlich großes Revier zu pachten, kostet laut Backhausen im Rheinisch-Bergischen Kreis etwa 3000 Euro imJahr. Davon abgesehen ist die Anzahl der Reviere begrenzt. Weil die meisten Jäger die Aufgaben in ihrem Revier kaum alleine bewältigen können, vergeben jedoch viele eine Jagdbeteiligung. Bevor die Schüler aus Odenthal sich mit derartigen Fragen beschäftigen, steht die staatliche Jägerprüfung im April an. Die Erfahrung aus früheren Lehrgängen zeigt, dass mindestens acht von zehn die Prüfung bestehen. Doch bis es soweit ist, müssen die 25 Männer und Frauen noch büffeln– fürs grüne Abitur.www.kjs-rbk.de

18.11.2009